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scharfe Oma

Der Freitag ist in katholischen Gegenden Deutschlands Fischtag. In Crimmitschau ist Freitag Omatag. Jedenfalls in unserer Familie. Aber wir sind schließlich auch Atheisten und wahrscheinlich begann die Tradition der Omatage bereits, als Oma noch ein Kind war. Wir sitzen dann am Tisch ihrer kleinen Küche, reden und schauen ihr beim Kochen zu. Oma erzählt die letzten sieben Tage und ist unsere tönende Wochenschau. Sie ist 81 und hat einen ofenrohrförmigen Dackel. Der Dackel hat aber für den folgenden Text keine Bedeutung. Bis vor wenigen Wochen stand in Omas Wohnzimmer noch ein Röhrenfernseher aus der Zeit als es noch einen Opa zu der Oma gab. Das soll nicht heißen, dass sie unmodern ist. Sie liebt DVDs. Wegen der Opern und Operetten. Und schaut sie so häufig, dass auch der Dackel mittlerweile zum Kenner geworden ist.Leider ist das nun Geschichte.Seit kurzem steht nämlich ein ultraflacher HD-Fernseher in der rustikal gewölbten Massivholzschrankwand. Die Familie ist stolz auf Oma. Oma ist eine dieser modernen Seniorinnen geworden. Nur Oma teilt die technische Euphorie nicht. Ihre DVDs seien ruiniert und man könne sich im Grunde nichts nicht mehr anschauen. Alles sei außerordentlich furchtbar.Was war geschehen? Kam Oma mit der Technik nicht klar? Das hätte man verstehen können, denn das Gerät war technologisch sehr weit vorne. Hatte der Dackel die Fernbedienung markiert?Nein. Das war es nicht.Wie sich herausstellte hatte Oma ein Qualitätsproblem. Und zwar nicht mit zu geringer Qualität, sondern mit zu hoher. HD, das war kein Logenplatz mehr in ihrem Opern-Wohnzimmer, es war der Platz im Souffleurkasten. Ihr Blick richtete sich zum ersten Mal auf die Hälse und Gesichter ihrer Stars. HD-Bartstoppeln! HD-Bartstoppeln, verteilt auf 60 Zoll, für die man nicht mal eine Brille braucht!Die Zuschauer im Parkett sehen schließlich immer aus, wie aus dem Ei gepellt. Feinste Abendroben und aufgebügelte Anzüge. Das gefällt Oma. Und dann stehen plötzlich Männer auf der Bühne, die aussehen, als hätten sie gerade 3 Wochen Montage auf der Bohrinsel hinter sich.Außerdem hätte Domingo neulich gar gespuckt. Fast eine komplette Arie habe er mit Speichelfaden am Kinn gesungen.Der Fortschritt macht aus Omas Idolen per Knopfdruck Leute von nebenan. Und für Leute von nebenan braucht man keinen Fernseher.Während sich Oma weiter über das Schärfeproblem echauffierte, stellte sie den Topf mit dem Gulasch für das Abendessen auf den Tisch.Und grübelnd über ihr seltsames Problem, biss ich auf ein großes, schwarzes Pfefferkorn, das sich im Gulasch versteckte. Ich verzog das Gesicht und Oma sagte trocken: „Kann passieren. Scharf ist eben nicht immer schön!“ 

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