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Sport oma

Viele Menschen ziehen sich im Alter zurück und lassen es ruhig angehen. Sie setzen sich auf Parkbänke. Einmal auf so einer Parkbank, bewegen sie sich mitunter für Jahre kaum. Nicht so meine Oma. Immerhin hat sie mit reifen 81 Jahren einen „Hundeführerschein“ gemacht und darf sich nun offiziell und mit einer Urkunde beglaubigt „Sportfreundin“ nennen. Selbst im eigenen Wohnzimmer frönen Oma und ihr dicker Dackel dem Hundesport. So wirft sie häufig einen rosa Gummiknochen quer über alle Möbel und Vasen hinweg, an die gegenüberliegende Wand. Kaum geworfen hat der Dackel, trotz seines leichten Übergewichts, das rosa Spielzeug im Maul und bringt es zurück zur erneut wurfbereiten Oma. Leider ist Oma so zielgenau, dass sie immer die gleich Stelle trifft. Leidtragende der jahrelangen Ertüchtigung war Omas Wand. An der Einschlagstelle bildeten sich gut sichtbare, rosa Striche. Das Wurfgerät hatte abgefärbt. Doch Oma hatte sofort eine Lösung für ihr optisches Problem. Sie hatte zum Geburtstag ein gerahmtes Bild geschenkt bekommen. Natürlich war darauf der Dackel zu sehen. Natürlich mit rosa Gummiknochen im Maul. „Das hängen wir dahin! Hol mal die Bohrmaschine!“ sagte Oma zu mir. Wie bei vielen Familien, unterteilt sich natürlich auch meine Familie in 2 Gruppen. Auf der einen Seite stehen die fingerfertig begabten und auf der anderen Seite stehe ich. Und das, obwohl ich tatsächlich mal eine handwerkliche Ausbildung durchlaufen habe. Wie auch immer ich das geschafft habe. In dieser, eher unglücklichen Zeit meines Lebens, musste ich beispielsweise mal in luftiger Höhe eines Hauses an einer Schornsteineinfassung arbeiten, als mir eine recht schwere Blechschere aus den Händen glitt. Mit ratterndem Getöse machte sich das flüchtende Arbeitsgerät nun auf den Weg die Dachschräge hinunter. Kurz darauf spickte sie präzise und genau mittig in der Motorhaube eines unglücklich geparkten VW-Polos. Leider war die Besitzerin des Wagens kein Tuningfreund und mochte ihre neue Kühlerfigur in keinster Weise. Bei anderer Gelegenheit warf ich mich gleich selbst von der 3. Etage eines Baugerüsts. Ich fiel genau in den schmalen Spalt zwischen Wand und Gerüst. Glücklicherweise bremste ich den Fall, indem ich mein Gesicht, während des gesamten Sturzes, geschickt an den Rauputz hielt. Unten angekommen hatte ich mir nicht einen Knochen gebrochen. Ausgerechnet ein Genie wie ich, sollte nun Omas Wohnung schöner machen. Wie dem auch sei, ich ließ mich trotzdem breitschlagen, und setzte die Bohrmaschine an. Der erste Zentimeter lief überraschend gut, ich flog geradezu durch den Beton. Bei Zentimeter 2 traf ich dann natürlich, wie zu erwarten und für diesen Text absolut vorhersehbar, auf ein Stromkabel. Sämtliche elektronischen Geräte stellten umgehend die Arbeit ein und es wurde dunkel in Omas Wohnzimmer. Ich hatte es tatsächlich geschafft. Die rosa Striche waren nicht mehr zu sehen.

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