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"Alexa, bestell mir einen neuen Rucksack!"



Ich habe den perfekten Job, ich habe eine wunderschöne Wohnung, ich habe ein Auto, ich habe keine finanziellen Sorgen und mein Kühlschrank ist voll. Bei mir zuhause kümmern sich Alexa und Siri um Licht, Musik und Kalendereinträge. Meine elektrische Zahnbürste hat Bluetooth und kann sich mit meinem Handy verbinden. Das ist nämlich unheimlich wichtig für die Mundhygiene. Zwei Fernseher bringen mir nebenbei noch die neuesten Filme von Netflix und Amazon in Wohn- und Schlafzimmer. Meine Uhr lobt mich dafür, dass ich mich gerade mal kurz von der Couch erhoben habe und wie stolz sie deshalb auf mich ist. Und selbstverständlich kann ich jederzeit auf der Playstation daddeln. Die habe ich aber eigentlich nur, weil ich bei GTA V so gerne zum Friseur gehe. Und jedesmal wenn der Postbote ein neues Päckchen bringt, ein neues technisches Spielzeug, dann ist man ein klein wenig glücklicher und die Wohnung wieder etwas lebenswerter. Oder? Ist das so? In letzter Zeit frage ich mich das immer wieder. Bin ich wirklich zufrieden? Ich habe ja eigentlich alles. Das ist vermutlich das Problem: Ich habe alles. Vor ein paar Jahren hatte ich gar nichts. Kein Geld, unregelmäßige Jobs, kaum Besitz. Dafür hatte ich einen Rucksack. Fast alle mein Sachen haben da hineingepasst. Ich flog um die halbe Welt damit. Lebte ein paar Wochen in Hongkong und landete schließlich in Taiwan. Ein Jahr blieb ich da. Es war ein schrecklich schönes Jahr. Ich hatte nämlich nichts und trotzdem alles. Schon in der zweiten Woche fraß der Geldautomat meine Karte. Zurecht natürlich. Vermutlich hätte ich heute noch den Dispo abzuzahlen, hätte meine Familie nicht vorausschauend mein Konto einfach geschlossen. Es ist trotzdem ein sehr seltsames Gefühl, wenn man allein und  tausende Kilometer von zuhause plötzlich dasteht und ein Geldautomat lacht dich aus. Ich stand also nur mit einem Rucksack in Taipei. Und von meinen 300 Euro Bargeld, die ich als Startkapital mitbrachte, war schon lange nichts mehr übrig. Und das war das beste, was mir passieren konnte. Ich musste ständig Lösungen finden. Für große Probleme. Aber auch die simpelsten und alltäglichsten Probleme. Wo bekomme ich etwas Kleingeld her, um diese leckeren Dumplings aus der Garküche zu bezahlen? Wo ist denn hier das nächste Klo? Was esse ich als nächstes? Und was zur Hölle esse ich da eigentlich gerade? Und was steht auf diesem Hinweisschild? Wie komme ich an einen Job in einem Land, dessen Sprache ich nicht spreche? Und noch wichtiger: Wie bestellt man ein Bier auf Mandarin? Sachen, über die ich mir vorher nie Sorgen machen musste. Dazu muss man vielleicht noch sagen, mit Handys konnte man damals nur telefonieren. Mal eben eine Route googeln oder in einem Reiseforum nach Überlebenstipps suchen? Am Arsch! Ich hatte eine Karte. Zum Falten. Jeder Tag war ein Abenteuer. Und damit meine ich nicht nur das korrekte Zurückfalten der Karte. Der Alltag war ein Abenteuer. Ein gigantisches Computerspiel mit einer gigantischen offenen Welt. Und trotz all dieser Herausforderungen war ich damals zufriedener als heute. Ein billiges Essen direkt vom Straßenmarkt hat mich glücklicher gemacht, als es Alexa jemals könnte. Da kann sie mir noch so viele Liebeslieder vorspielen. Ich fürchte, ich muss mich von ihr trennen. Ich glaube, ich will den ganzen Mist nicht. Ich bin mir jetzt sicher, ich muss nochmal los. Bleibt wohl nur noch eins zu tun: "Alexa, bestell mir einen neuen Rucksack!".

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